„Ich wollte nie Flüchtling werden“ – Ghulam Reza Mohammadi erzählt seine Geschichte

„Ich möchte nicht immer nur als Fremder gesehen werden, sondern als ein Mensch, der hier mit anderen lebt und arbeitet“, sagt Ghulam Reza Mohammadi bei der Abschlussfeier seiner Lehrer als Bäckereifachverkäufer. Der junge Mann hat gerade geschafft, was vielen anderen in seiner Situation nicht gelingt oder gelingen kann. Er hat eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, er ist im Betrieb übernommen worden und hat damit den nächsten Schritt in eine mögliche, erfolgreiche Zukunft hier in Deutschland getan. In diesem Moment ist ihm eines wichtig, den Gästen auf der Abschlussfeier seine Geschichte zu erzählen.

Eine Geschichte, die in Pakistan beginnt. Dort kommt Reza vor 21 Jahren zur Welt. Seine Eltern sind aus Afghanistan geflohen, für seinen Vater – einen Polizisten – war es dort zu gefährlich geworden. 13 Jahre lebt Reza in Pakistan, bevor er das erste Mal auf der Flucht ist. Ein Schlepper bringt ihn in den Iran – allein, weg von seiner Familie. Dort lebt Rezas Onkel, dort soll der Jugendliche Arbeit finden. Drei Jahre schlägt sich Reza im Iran durch, bevor auch dort die Situation für ihn, der sich ja illegal im Land aufhält, zu gefährlich wird. Er flieht auch von dort – sein Ziel: Deutschland.

„Ich bin nicht freiwillig Flüchtling geworden, aber ich bin freiwillig nach Deutschland gekommen. Weil es so schön ist, ein einem Land zu leben, in dem Demokratie herrscht und die Grundgesetze für alle gelten und geachtet werden.“, sagt er. Sechs Monate ist er unterwegs. Sechs Monate in denen er Kinder und Mitreisende sterben sieht, in denen auf ihn geschossen wird und er im Meer zwischen der Türkei und Griechenland hätte ertrinken können. Er schafft es und landet im März 2015 schließlich in Marktredwitz. Ein minderjähriger, unbegleiteter Flüchtling, der nur eines möchte: das erste Mal in seinem Leben zur Schule gehen. Reza besucht den Integrationskurs, lernt Deutsch und geht zur Berufsschule. Er bewirbt sich als Mechatroniker und beginnt, als das nicht klappt, eine Lehre zum Bäckereifachverkäufer bei der Bäckerei Brunner. „Das war alles nicht leicht“, erzählt er. „Es ist nicht so, dass man als Flüchtling alles bezahlt und Unterstützung bekommt. Was ich geschafft habe, habe ich mir erarbeitet. Ich habe den Führerschein gemacht, weil das für meinen Beruf wichtig war, und ich habe mir ein Auto gekauft. Alles von meinem Ausbildungsgehalt.“ Auch die Kosten für einen Anwalt, den sich Reza Mohammadi nimmt, um 2019 seine Abschiebung immer wieder zu verhindern, bezahlt der junge Mann selbst. Kurz vor der Abschlussprüfung droht ihm endgültig die Abschiebung. Trotzdem schließt er seine Ausbildung ab und erhält später aus diesem Grund eine befristete Arbeitserlaubnis und kann so in Deutschland bleiben. Für seine Wohnung bekommt er zunächst Unterstützung vom Staat. „Das Geld darf ich aber nicht behalten. Einen Teil werde ich demnächst zurückzahlen müssen“, erklärt er. „Viele haben hier ganz falsche Vorstellungen. Ich würde gerne mit all ihnen sprechen und meine Geschichte erzählen.“

Heute hat Reza eine kleine Wohnung in Lorenzreuth, hat in der Arbeit und bei der Freiwilligen Feuerwehr Anschluss gefunden und will seinen Ausbilderschein machen. Seit wenigen Wochen hat er einen Aufenthaltstitel, mit dem er zunächst für weitere zwei Jahre in Deutschland bleiben kann.

Zunächst … das ist ein Wort, bei dem sein Gesicht traurig wird. „Ich lebe seit ich denken kann in Angst und Unsicherheit. Ich würde mir wünschen, dass das einmal aufhört.“, sagt er. Sein Ziel: irgendwann deutscher Staatsbürger und vielleicht Filialleiter in der Bäckerei zu werden. „Ich habe mir viel erarbeitet. Auf diesem Weg möchte ich weitergehen.“ Ein kurzfristiges, für ihn wichtiges Ziel liegt allerdings erstmal im kommenden Frühjahr. Er spart für einen Flug nach Pakistan. „Mein Vater ist sehr krank, er möchte mich noch einmal sehen, bevor er stirbt. Ich hoffe, er erkennt mich noch, wenn er mich sieht. Wir haben uns acht Jahre nicht gesehen und werden das in Zukunft wohl auch nicht mehr tun. In Pakistan oder Afghanistan habe ich keine Zukunft. Ich bin nach Deutschland gekommen, weil ich ein besseres Leben führen wollte.“