Stammtischparolen Paroli bieten

Interkultureller Dialog am Walter Gropius Gymnasium in Selb

Selb. Kurz nach halb zwölf am Dienstag. Als die Tafel aufklappt, stehen dort Sätze und Schlagworte wie „Wirtschaftsflüchtling“, „Sozialschmarotzer“, „Sie liegen dem Staat auf der Tasche.“ oder „Das sind alles Terroristen.“ Mahdi liest „Sie nehmen uns die Jobs weg.“ Abdullahi fügt hinzu „Deutsche Werte und Gesetze werden nicht geachtet.“ Mohammad liest laut „Geht wieder.“ Darüber steht an der Tafel: „Wir haben Stammtischparolen gesammelt.“

„Wir“ – das ist die 11. Klasse des Walter Gropius Gymnasiums. Mohammad, Hamza, Mahdi und Abdullahi – das sind junge Geflüchtete aus der Region, die aus Syrien, Iran, Eritrea und Somalia kommen und im Rahmen des Projekts „Verschieden und doch gleich – Interkultureller Dialog an Schulen“ im Gymnasium in Selb zu Gast sind. Sie haben ein hochbrisantes Thema im Gepäck: Vorurteile über Flüchtlinge und die realen, oft schockierenden Fluchtgeschichten. Und am Ende der Vergleich zwischen den viel zitierten Parolen – der gefühlten Wahrheit einiger Landsleute – und ihrer eigenen Realität. Das ist der Stoff, aus dem sich der Dialog mit den Gymnasiasten speist und auf dessen Grundlage sich die jungen Leute ihr ihre eigene Meinung bilden können.

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Zurückhaltend und neugierig sind sie am Anfang alle gleichermaßen: die vier jungen Geflüchteten vor der Tafel und die Gymnasiasten der 11. Klasse, die ihnen gegenübersitzen. Zugegeben – es ist kein leichtes Thema, das hier besprochen werden soll, aber dafür ein ausgesprochen interessantes in einer besonderen, persönlichen Atmosphäre. Das merkt man auch am Geräuschpegel der Klasse. Es ist mucksmäuschenstill, zwischendrin sieht man nur die Handzeichen, die eine interessierte Frage ankündigen. Und davon gibt es viele:

„Woher hattest du das Geld für die Flucht?“
„Warum bist du allein geflohen?“
„Warum nach Deutschland?“
„Was wusstest du von Deutschland?“

Beleuchtet wird alles. Schon bei den Fluchtursachen. Neben Krieg, Verfolgung, Naturkatastrophen und den Folgen des Klimawandels wird auch immer wieder Armut und Hunger und der Vorteil des deutschen Sozialsystems genannt. Doch was ist dran? Was war der Plan und wie kam es dann, meist anders?

Im Dialog wird schnell klar: Die Realität sieht oft ganz anders aus, als einem oft suggeriert wird - komplexer, tiefgreifender. Die Meisten flohen zunächst in die nächst gelegenen Städte bis ihnen irgendwann bewusst wurde, dass es auch hier keine Sicherheit vor der Verfolgung durch Regierung, Militär oder vor den kriegerischen Auseinandersetzungen geben würde. Dann ging es weiter in die Grenzgebiete und Nachbarländer. „Das war so eine Stadt an der Grenze. So wie Selb hier neben Tschechien“, erzählt Hamza. Nach Europa oder gar Deutschland zu fliehen? Davon war zunächst nie die Rede gewesen. Erst nachdem sich die Situation nach vier Jahren – zwei davon in einem schrecklichen Flüchtlingslager neben der Wüste – nicht besserte, wurde klar: Die Familie muss woanders hin. Auch die beiden Afrikaner hatten nicht Deutschland als Ziel. „Ich wusste nicht mal, dass es Deutschland gibt“, gesteht Mahdi schüchtern. Von den Sozialsystemen ganz zu schweigen. Diese werden für die beiden auch bald irrelevant: Hamza beginnt seine Lehre im Verkauf im August und Mahdi startet seine im September. „Ich lerne Altenpfleger.“ Einen der Berufe, für die in Deutschland Hände ringend Nachwuchs gesucht wird, weil in dieser Branche der Fachkräftemangel enorm ist. Als wir später die Parolen durchgehen, stoßen wir auf den Text: „Die nehmen uns die Jobs weg.“ und einige Schüler müssen unwillkürlich schmunzeln oder schütteln den Kopf.

Nur Mohammad war Deutschland bereits ein Begriff, weil „mein Bruder war schon hier.“ Woanders auf der Welt kennt er niemanden. Also war sein Ziel klar: Zu seinem Bruder nach Deutschland. Den größten Teil der Strecke: zu Fuß. Während die anderen in Autos, Lkws, Bussen und Booten durch Länder, Wüste und übers Meer fuhren. Das Geld dafür kommt aus Arbeit, dem Verkauf von Hab und Gut, den gesamten Ersparnissen oder weil die gesamte Familie zusammenlegt, um einem Einzelnen die Flucht zu ermöglichen. Doch es reicht eigentlich nie für den gesamten Fluchtweg. „Die Schlepper sagen, es ist ganz einfach. Es kostet fast nix“, erklärt Mahdi. Dann erst, viele Kilometer von der Heimat entfernt, in einem anderen Land, wird die Fahrt unterbrochen, um abzukassieren. „Sie sagen: Jetzt musst du dreitausend Euro bezahlen oder du bleibst hier.“ Und für viele ist der Weg dann erst einmal zu Ende – bis sie irgendwie mehr Geld erarbeitet und zusammengespart haben.   

Die Gesichtszüge der Schüler wurden im Laufe der beiden Stunden immer interessierter, offener, empathischer. Das Sympathielächeln häufiger. Die Atmosphäre lockerer. Als der Gong den Vormittagsunterricht offiziell beendet, steht keiner auf oder packt hastig seine Sachen zusammen. Alle bleiben sitzen und warten das offizielle „Auf Wiedersehen“ ab. Das kommt von Abdullahi und wird auf Arabisch an die Tafel geschrieben. Es folgt Applaus der Schüler für den Mut, die Offenheit und die Zeit der jungen Gäste aus dem Ausland, die sich so offen den – teils auch kritischen – Fragen der Gymnasiasten gestellt haben. Leider konnten nicht alle Stammtischparolen und Vorurteile, die die Schüler gesammelt hatten – und erst recht nicht alle, die an den Stammtischen die Runde machen – diskutiert werden. Aber, auch wenn das Schuljahr vorbei ist, das Projekt geht weiter und die Projektverantwortlichen kommen auch gerne wieder, wenn die Klasse den Wunsch nach mehr Austausch und weiteren Themen verspürt. Denn diese Dialoge bieten den Rahmen für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema und für Argumente, um den Stammtischparolen Paroli bieten zu können.

„Das Problem ist, die Medien zeigen immer wenn jemand was Schlimmes macht. Und nur das. Und das ganz viel, ganz oft“, sagt Hamza zu mir auf dem Rückweg zur Arbeit. „Dann denken die Leute, es sind alle so. Aber die meisten machen niemandem was.“ Unser Projekt, das den medienwirksamen Skandalen ein positives Pendant entgegen setzen will, sieht er als gute Sache und wünscht sich: „Ich hoffe, die Leute denken jetzt anders.“

Über das Projekt:

Der interkulturelle Dialog an Schulen ist ein Projekt, das von der Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte des Landkreises Wunsiedel, Bianca Richter, und Ina Adler vom Jugendmigrationsdienst der Caritas Hof im Landkreis Wunsiedel durchgeführt wird. Entstanden sind die Idee und das Konzept 2016 im Rahmen der Interkulturellen Wochen in Stadt und Landkreis Hof und wurden von Ina Adler vom Jugendmigrationsdienst des Caritasverbands Hof und Bärbel Uschold von der Diakonie Hochfranken und Integrationslotsin für die Stadt Hof entwickelt. Seitdem wurde es erfolgreich in mehr als 40 Schulen in Stadt und Landkreis Hof umgesetzt. Seit Mai 2019 wird es auch im Landkreis Wunsiedel angeboten. Interessierte Schulen können sich jederzeit gerne bei den Projektverantwortlichen melden.